Don Diego - Leseprobe IV
copyright Franca Lombardi
La Guaira, Ende April 1869
(...)
Ich blickte mich um – suchend – um eventuell jemanden zu entdecken, der mich abholen würde. Vater hatte geschrieben, dass man mich erwartete – aber ob das nun direkt am Schiff war oder in seinem Handelskontor in La Guaira oder gar auf der Hacienda in El Agudo? Ich hatte keine Ahnung.
„Don Diego“, ertönte es.
Ich hörte es zunächst nicht, weil ich mich nicht angesprochen fühlte.
Wieder rief jemand: „Don Diego. Hier bin ich. Don Diego!“
Ein Indio bahnte sich einen Weg durch die Menge und kam direkt auf mich zu. Er winkte hektisch und rief immer wieder „Don Diego“. Offenbar meinte er mich.
Ich war den Titel „Don“ nicht gewohnt und begriff nicht, dass sein Winken tatsächlich mir galt. Doch der Mann kam immer näher und lachte mich an mit dunklen Zahnlücken, die eingerahmt waren von dünnen Lippen und tiefen Lachfalten. Er sah aus, wie jemand, der froh war, endlich das gefunden zu haben, was er suchte. Ich fragte mich, wie lange er wohl schon Ausschau nach mir gehalten hatte. Und: Wie hatte er mich erkennen können?
Als er mich endlich erreicht hatte, nahm er seinen brüchigen Strohhut ab und verneigte sich vor mir. „Don Diego. Ich freue mich, dass Sie wohlbehalten angekommen sind. Ich bin Santo und ich wurde beauftragt, Sie nach Hause zu bringen.“ Er wies mit seinem Strohhut hinter sich. „Kommen Sie. Dort hinten steht die Kutsche.“
Vor lauter Menschen war nichts von einer solchen zu sehen, aber ich folgte Santo, der nun wie Moses das Menschenmeer teilte, in dem er immer wieder rief: „Macht Platz für Don Diego. Hier kommt Don Diego.“ Mir war das unsagbar peinlich – aber wir kamen zügig voran.
Meine Kisten waren bereits aufgeladen worden; ich fragte gar nicht nach, wie Santo das angestellt hatte; wollte einfach nur noch weg. Ich stieg ein und machte es mir so gut es ging bequem. Wir sollten zweifelsohne eine Weile unterwegs sein, denn soweit ich mich erinnerte, war es eine lange Fahrt gewesen, als wir Venezuela verlassen hatten vor mehr als zwanzig Jahren. Nichts hier kam mir irgendwie bekannt vor; aber wieso sollte es das auch? Wir waren damals bei Nacht geflohen.
Mir war mulmig, denn ich kehrte heute freiwillig zurück und hielt es jetzt schon für die größte Torheit meines Lebens. Aber wenn ich nicht auf diesem Schiff gewesen wäre, hätte ich Madalena nicht kennen gelernt. – Madalena. Ein Stich ging durch mein Herz. Was sollte ich tun?
Santo riss mich aus meinen Gedanken: „Das Kontor wird Ihnen gefallen, Don Diego.“
„Kontor? Fahren wir nicht gleich zur Hacienda?“ Ich war verwirrt.
„Nein. Es wird bald dunkel.“
Mir fiel auf, dass es sehr schnell dämmerte. „Wie viel Uhr ist es?“, fragte ich erstaunt. Es konnte doch noch nicht später als fünf Uhr Nachmittag sein.
„Bald sechs Uhr. Wir müssen uns beeilen, dass wir rechtzeitig ankommen.“ Offensichtlich schaute ich sehr verwirrt, denn Santo erklärte mir: „Hier kommt die Nacht sehr schnell. Ich habe gehört, weiter im Norden ist das nicht so.“
In der Tat: Während wir durch die Straßen von La Guaira fuhren, wurde es immer dunkler. Bis wir schließlich in der calle de los mercaderos standen, direkt vor den Pforten von Oficina de Labundante, dem Kontor meines Vaters, war es bereits so düster, dass man ohne die Laternen nichts gesehen hätte. Durch das Fenster zur Straße fiel etwas Licht auf uns. Santo klopfte an die Tür. Schritte näherten sich.
„Wer ist da?“, tönte es heraus.
„Don Diego ist angekommen.“
Warum nur musste Santo mich immer Don Diego nennen? Señor hätte es auch getan!
Die Tür wurde geöffnet und eine schwarze Gestalt stand vor uns. Das Licht, das im Hintergrund schien, blendete mich und ich konnte die Person, die vor mir war, nicht erkennen. Eine Hand schob sich zu mir und griff nach der meinen. Ich wurde ins Haus gezogen und blickte nun – da ich mehr sehen konnte – einem Mann in die Augen, der mich prüfend ansah. Er war etwas größer als ich und dünn. Ich war nicht gerade dick, aber er wirkte hager, vielleicht ein wenig verkniffen. Seine dunkelblonden Haare waren, wie die meinen, kurzgeschnitten, doch er trug - wie viele Männer in seinem Alter - einen Bart.
„Eugenio Corrente Mora “, stellte er sich vor. „Ich bin der Sekretär Ihres Vaters. Willkommen.“
(...)
- in: 3bi Leseprobe
La Guaira, Ende April 1869
(...)
Ich blickte mich um – suchend – um eventuell jemanden zu entdecken, der mich abholen würde. Vater hatte geschrieben, dass man mich erwartete – aber ob das nun direkt am Schiff war oder in seinem Handelskontor in La Guaira oder gar auf der Hacienda in El Agudo? Ich hatte keine Ahnung.
„Don Diego“, ertönte es.
Ich hörte es zunächst nicht, weil ich mich nicht angesprochen fühlte.
Wieder rief jemand: „Don Diego. Hier bin ich. Don Diego!“
Ein Indio bahnte sich einen Weg durch die Menge und kam direkt auf mich zu. Er winkte hektisch und rief immer wieder „Don Diego“. Offenbar meinte er mich.
Ich war den Titel „Don“ nicht gewohnt und begriff nicht, dass sein Winken tatsächlich mir galt. Doch der Mann kam immer näher und lachte mich an mit dunklen Zahnlücken, die eingerahmt waren von dünnen Lippen und tiefen Lachfalten. Er sah aus, wie jemand, der froh war, endlich das gefunden zu haben, was er suchte. Ich fragte mich, wie lange er wohl schon Ausschau nach mir gehalten hatte. Und: Wie hatte er mich erkennen können?
Als er mich endlich erreicht hatte, nahm er seinen brüchigen Strohhut ab und verneigte sich vor mir. „Don Diego. Ich freue mich, dass Sie wohlbehalten angekommen sind. Ich bin Santo und ich wurde beauftragt, Sie nach Hause zu bringen.“ Er wies mit seinem Strohhut hinter sich. „Kommen Sie. Dort hinten steht die Kutsche.“
Vor lauter Menschen war nichts von einer solchen zu sehen, aber ich folgte Santo, der nun wie Moses das Menschenmeer teilte, in dem er immer wieder rief: „Macht Platz für Don Diego. Hier kommt Don Diego.“ Mir war das unsagbar peinlich – aber wir kamen zügig voran.
Meine Kisten waren bereits aufgeladen worden; ich fragte gar nicht nach, wie Santo das angestellt hatte; wollte einfach nur noch weg. Ich stieg ein und machte es mir so gut es ging bequem. Wir sollten zweifelsohne eine Weile unterwegs sein, denn soweit ich mich erinnerte, war es eine lange Fahrt gewesen, als wir Venezuela verlassen hatten vor mehr als zwanzig Jahren. Nichts hier kam mir irgendwie bekannt vor; aber wieso sollte es das auch? Wir waren damals bei Nacht geflohen.
Mir war mulmig, denn ich kehrte heute freiwillig zurück und hielt es jetzt schon für die größte Torheit meines Lebens. Aber wenn ich nicht auf diesem Schiff gewesen wäre, hätte ich Madalena nicht kennen gelernt. – Madalena. Ein Stich ging durch mein Herz. Was sollte ich tun?
Santo riss mich aus meinen Gedanken: „Das Kontor wird Ihnen gefallen, Don Diego.“
„Kontor? Fahren wir nicht gleich zur Hacienda?“ Ich war verwirrt.
„Nein. Es wird bald dunkel.“
Mir fiel auf, dass es sehr schnell dämmerte. „Wie viel Uhr ist es?“, fragte ich erstaunt. Es konnte doch noch nicht später als fünf Uhr Nachmittag sein.
„Bald sechs Uhr. Wir müssen uns beeilen, dass wir rechtzeitig ankommen.“ Offensichtlich schaute ich sehr verwirrt, denn Santo erklärte mir: „Hier kommt die Nacht sehr schnell. Ich habe gehört, weiter im Norden ist das nicht so.“
In der Tat: Während wir durch die Straßen von La Guaira fuhren, wurde es immer dunkler. Bis wir schließlich in der calle de los mercaderos standen, direkt vor den Pforten von Oficina de Labundante, dem Kontor meines Vaters, war es bereits so düster, dass man ohne die Laternen nichts gesehen hätte. Durch das Fenster zur Straße fiel etwas Licht auf uns. Santo klopfte an die Tür. Schritte näherten sich.
„Wer ist da?“, tönte es heraus.
„Don Diego ist angekommen.“
Warum nur musste Santo mich immer Don Diego nennen? Señor hätte es auch getan!
Die Tür wurde geöffnet und eine schwarze Gestalt stand vor uns. Das Licht, das im Hintergrund schien, blendete mich und ich konnte die Person, die vor mir war, nicht erkennen. Eine Hand schob sich zu mir und griff nach der meinen. Ich wurde ins Haus gezogen und blickte nun – da ich mehr sehen konnte – einem Mann in die Augen, der mich prüfend ansah. Er war etwas größer als ich und dünn. Ich war nicht gerade dick, aber er wirkte hager, vielleicht ein wenig verkniffen. Seine dunkelblonden Haare waren, wie die meinen, kurzgeschnitten, doch er trug - wie viele Männer in seinem Alter - einen Bart.
„Eugenio Corrente Mora “, stellte er sich vor. „Ich bin der Sekretär Ihres Vaters. Willkommen.“
(...)
Franca-Lombardi - 5. Jul, 16:33
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