Min-Tao - Leseprobe II
copyright Franca Lombardi
Um es dem Leser zu vereinfachen, dem Verlauf der Geschichte folgen zu können, habe ich mich entschlossen, die Jahreszahlen der westlichen Zeitrechnung anzugleichen. Faktisch spielt die Geschichte in der Regierungszeit von Kaiser Shenzong, 6. Kaiser der nördlichen Song-Dynastie (1067-1085 n. Chr.)
Dongjing, Frühling 1069
Min-Tao saß im Schatten eines Kirschbaumes, der vor wenigen Tagen begonnen hatte, rosa Knospen zu bilden. Ihr Blick wanderte über die Gartenanlage, und sie freute sich einmal mehr über die hervorragende Arbeit der Hofgärtner, die in dem künstlich angelegten Park ein Stück idyllische Naturlandschaft geschaffen hatten. Hier fühlte sie sich stets vollkommen eins mit allem um sie herum. Sie spürte den leichten Wind über ihre Wangen streichen, hörte das Rascheln der Bäume, das Knistern des Schilfes, welches die Teiche in der Nähe umrahmte. Von dort erklangen auch die Rufe von Enten. Ein großer Schwarm Singvögel hatte sich im Flieder, der einige Schritte entfernt stand, niedergelassen und veranstaltete ein Konzert. Dennoch konnte der Vogelgesang nicht das stete Summen der Insekten übertönen, die nun verstärkt im Garten nach Blütenstaub suchten. Ein Käfer flog brummend an Min-Taos Ohr vorbei und sie quietschte vor Überraschung. Als sie ihn mit der Hand beiseite schob, änderte er seine Flugbahn und landete auf ihrem Knie. Dem Käfer schien der Landeplatz zu gefallen. Er fuhr seine Flügel ein und saß regungslos da. Nur seine Fühler vibrierten ein wenig. Min-Tao lächelte. Zufrieden lehnte sie sich an den Baumstamm und dabei schweifte ihr Blick zur Baumkrone. Einige wenige Knospen hatten sich zu Blüten geöffnet und Min-Tao fühlte sich an ihre Heimat erinnert. Damals, vor vierzehn Jahren, war es auch die Zeit der Kirschblüte gewesen, als sie im Hause ihrer Eltern geboren wurde.
„Mein Elternhaus ist so weit entfernt“, dachte sie und wurde auf einmal ganz wehmütig. Über neun Monate war es nun her, dass ihre unbeschwerte Kindheit so plötzlich geendet hatte. Im Sommer des letzten Jahres hatte ihr Vater sie drei Monate nach ihrem dreizehnten Geburtstag hierher gebracht, nach Dongjing in den Palast des Kaisers Shenzong...
Qing, 11 Monate zuvor
„Hast du es ihr schon gesagt?“ Zhousheng drehte sich zu ihrem Mann, der sich gerade neben sie gelegt hatte. Lin-Wu deckte sich zu und starrte an die Decke. Jeden Abend stellte seine Frau ihm die gleiche Frage, und jeden Abend musste er verneinen.
„Es war noch nicht der richtige Zeitpunkt.“ Damit hatte sich diese Angelegenheit für ihn erledigt – zumindest dachte er das.
„Wann wirst du es ihr sagen?“
„Wie oft willst du mich das noch fragen, Frau? Es ist nicht so einfach!“
Zhousheng schnaubte: „Es war auch einfach, sie dem Kaiser zu versprechen, nur weil du unbedingt Gouverneur werden wolltest!“
„Weib, ich werde hier keine Diskussion mit dir anfangen! Du weißt sehr wohl, dass das eine mit dem anderen nichts zu tun hat.“
Doch sein Weib war da anderer Meinung: „Ich verstehe nicht, welches Interesse der Kaiser sonst an unserer Tochter haben sollte.“
Lin-Wu starrte an die Decke und lenkte seine Aufmerksamkeit nach innen, während seine Frau ihm schon wieder ihren Vortrag hielt. Er hatte das Beste für seine Tochter gewollt, warum konnte sie das nicht erkennen? Er war Beamter mit großen Visionen und diese waren dem Kaiser zu Ohren gekommen. Es war ohnehin schon schwer genug, unter der Vielzahl von Beamten aufzufallen, zumal viele seiner Amtskollegen dank ihrer Bestechlichkeit ein leichteres Leben hatten als er. Er hatte eine Vision von einem gerechteren Staat und er hatte sein Amt niemals zu seinem persönlichen Vorteil ausgenutzt. Letzten Endes war der Kaiser auf seine Reformpläne aufmerksam geworden und hatte ihn vorladen lassen. Er hatte zwar nicht vor dem Kai-ser persönlich sprechen dürfen, aber einer seiner Hofbeamten – Seng Mo-Ti – hatte ihn zum Tee geladen. Lin-Wu erinnerte sich, wie aufgeregt er gewesen war, als er die Einladung erhalten hatte.
(...)
- in: 3ai Leseprobe
Um es dem Leser zu vereinfachen, dem Verlauf der Geschichte folgen zu können, habe ich mich entschlossen, die Jahreszahlen der westlichen Zeitrechnung anzugleichen. Faktisch spielt die Geschichte in der Regierungszeit von Kaiser Shenzong, 6. Kaiser der nördlichen Song-Dynastie (1067-1085 n. Chr.)
Dongjing, Frühling 1069
Min-Tao saß im Schatten eines Kirschbaumes, der vor wenigen Tagen begonnen hatte, rosa Knospen zu bilden. Ihr Blick wanderte über die Gartenanlage, und sie freute sich einmal mehr über die hervorragende Arbeit der Hofgärtner, die in dem künstlich angelegten Park ein Stück idyllische Naturlandschaft geschaffen hatten. Hier fühlte sie sich stets vollkommen eins mit allem um sie herum. Sie spürte den leichten Wind über ihre Wangen streichen, hörte das Rascheln der Bäume, das Knistern des Schilfes, welches die Teiche in der Nähe umrahmte. Von dort erklangen auch die Rufe von Enten. Ein großer Schwarm Singvögel hatte sich im Flieder, der einige Schritte entfernt stand, niedergelassen und veranstaltete ein Konzert. Dennoch konnte der Vogelgesang nicht das stete Summen der Insekten übertönen, die nun verstärkt im Garten nach Blütenstaub suchten. Ein Käfer flog brummend an Min-Taos Ohr vorbei und sie quietschte vor Überraschung. Als sie ihn mit der Hand beiseite schob, änderte er seine Flugbahn und landete auf ihrem Knie. Dem Käfer schien der Landeplatz zu gefallen. Er fuhr seine Flügel ein und saß regungslos da. Nur seine Fühler vibrierten ein wenig. Min-Tao lächelte. Zufrieden lehnte sie sich an den Baumstamm und dabei schweifte ihr Blick zur Baumkrone. Einige wenige Knospen hatten sich zu Blüten geöffnet und Min-Tao fühlte sich an ihre Heimat erinnert. Damals, vor vierzehn Jahren, war es auch die Zeit der Kirschblüte gewesen, als sie im Hause ihrer Eltern geboren wurde.
„Mein Elternhaus ist so weit entfernt“, dachte sie und wurde auf einmal ganz wehmütig. Über neun Monate war es nun her, dass ihre unbeschwerte Kindheit so plötzlich geendet hatte. Im Sommer des letzten Jahres hatte ihr Vater sie drei Monate nach ihrem dreizehnten Geburtstag hierher gebracht, nach Dongjing in den Palast des Kaisers Shenzong...
Qing, 11 Monate zuvor
„Hast du es ihr schon gesagt?“ Zhousheng drehte sich zu ihrem Mann, der sich gerade neben sie gelegt hatte. Lin-Wu deckte sich zu und starrte an die Decke. Jeden Abend stellte seine Frau ihm die gleiche Frage, und jeden Abend musste er verneinen.
„Es war noch nicht der richtige Zeitpunkt.“ Damit hatte sich diese Angelegenheit für ihn erledigt – zumindest dachte er das.
„Wann wirst du es ihr sagen?“
„Wie oft willst du mich das noch fragen, Frau? Es ist nicht so einfach!“
Zhousheng schnaubte: „Es war auch einfach, sie dem Kaiser zu versprechen, nur weil du unbedingt Gouverneur werden wolltest!“
„Weib, ich werde hier keine Diskussion mit dir anfangen! Du weißt sehr wohl, dass das eine mit dem anderen nichts zu tun hat.“
Doch sein Weib war da anderer Meinung: „Ich verstehe nicht, welches Interesse der Kaiser sonst an unserer Tochter haben sollte.“
Lin-Wu starrte an die Decke und lenkte seine Aufmerksamkeit nach innen, während seine Frau ihm schon wieder ihren Vortrag hielt. Er hatte das Beste für seine Tochter gewollt, warum konnte sie das nicht erkennen? Er war Beamter mit großen Visionen und diese waren dem Kaiser zu Ohren gekommen. Es war ohnehin schon schwer genug, unter der Vielzahl von Beamten aufzufallen, zumal viele seiner Amtskollegen dank ihrer Bestechlichkeit ein leichteres Leben hatten als er. Er hatte eine Vision von einem gerechteren Staat und er hatte sein Amt niemals zu seinem persönlichen Vorteil ausgenutzt. Letzten Endes war der Kaiser auf seine Reformpläne aufmerksam geworden und hatte ihn vorladen lassen. Er hatte zwar nicht vor dem Kai-ser persönlich sprechen dürfen, aber einer seiner Hofbeamten – Seng Mo-Ti – hatte ihn zum Tee geladen. Lin-Wu erinnerte sich, wie aufgeregt er gewesen war, als er die Einladung erhalten hatte.
(...)
Franca-Lombardi - 15. Jun, 07:00
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