3bi Leseprobe
copyright Franca Lombardi
Viel Spaß beim lesen...
(...)
Am nächsten Morgen machte ich mich bei Morgendämmerung auf nach Caracas. Ich hatte mir ein junges und kräftiges Pferd ausgesucht, denn mein Weg führte mich über den El Avìla. Für die knapp zwölf Kilometer brauchte ich bis zum späten Vormittag. Auf halber Strecke machte ich Rast und stärkte mich bei einer kleinen Hütte, wo Reisende für wenig Geld gefüllte arepas kaufen konnten.
Als ich die letzte Kuppe des Berges hinter mit gelassen hatte, lag Caracas vor mir. Hier in der Senke lebten schätzungsweise sechzigtausend Einwohner – gegen Sevilla eine eher kleinere Stadt. Die Mittagssonne hatte die Luft im Talkessel bereits so erwärmt, dass ich mich lieber an einem Brunnen frisch machte, bevor ich Señor Ramirez gegenübertrat.
Ich kam von Norden her über die Avenida Forestal, die mich schließlich zum Zentrum führte. Mir fiel auf, dass es hier nur wenige alte Häuser gab. Ich hatte zwar die Reiseberichte von Alexander von Humboldt gelesen, in denen er die Folgen des Bebens vom März 1812 beschrieb – aber so hatte ich es mir nicht vorgestellt. Die alte Pracht war offenbar nicht wieder aufgebaut worden und so erinnerte fast nichts an die Zeit unter spanischer Herrschaft. Nüchtern wirkende, weiße oder gelbe Gebäude reihten sich aneinander. Ich folgte den Straßen bis zur Kathedrale nahe der Avenida Urdaneta. Von hier aus war es nicht mehr weit bis zur Adresse, die Santo für mich ausfindig gemacht hatte. Keine zwei Straßen weiter war ich angekommen und stand vor einem mehrstöckigen Haus.
Nervös klopfte ich an die massive Tür und musste ein paar Augenblicke warten, bis mir geöffnet wurde. Ein kleiner Junge schaute mich fragend an: „Was wollen Sie?“
„Ich möchte gerne zu Antonio Ramirez Lamberti. Ist er zu sprechen?“
Der Junge sah mich erstaunt an. „Sie sind zu früh. Aber bitte, kommen Sie herein.“
Ich wusste, es musste sich um eine Verwechslung handeln, behielt das aber lieber für mich. Ein Knecht übernahm mein Pferd und so konnte ich dem Jungen in die obere Etage folgen.
Er bat mich, im Salon Platz zu nehmen. „Ich werde nach Señor Ramirez sehen. Bitte warten Sie hier.“
Dann war ich alleine. Ich hatte im Flur schon den einen oder anderen Blick auf das spartanisch wirkende Ambiente werfen können, aber die Einrichtung in diesem Raum ließ – wie soll ich sagen – sehr zu wünschen übrig. Der Bezug der Sessel glänzte fleckig und ich beschloss, lieber stehen zu bleiben. Die Möbel sahen stumpf aus und hatten tiefe Kratzer. Die Vorhänge hingen von der Sonne ausgeblichen und zerknittert an farblich unpassenden Stangen. Die Tapeten waren vergilbt; nur an manchen Stellen zeigten die kräftigen Originalfarben, dass dort bis vor kurzem ein Bild gehangen haben musste.
Schließlich wurde ich von dem Jungen in den nächsten Raum gebeten. Hier befand sich mittig ein alter Schreibtisch, vor dem zwei Stühle standen. Sonst nichts. Keine Bilder, keine Schränke, keine Pflanzen. Auf dem Teppich sah ich Abdrücke von Möbeln. Offenbar hatte Señor Ramirez vor kurzem seinen Besitz massiv reduziert. Ich vermutete, um wenigstens einen Teil seiner Schulden zu begleichen.
Kurz darauf betrat ein Mann das Zimmer.
(...)
„Antonio Ramirez Lamberti.“ Er nickte mir zu. „Ich bin etwas verwirrt. Ich hatte jemand anderen erwartet.“
„Sie kennen mich nicht. Mein Name ist Diego Rodriguez Acosta. Ich bin froh, dass ich Sie gefunden habe.“
Antonio sah mich unsicher an. „Was kann ich für Sie tun?“
„Ich habe gehört, dass Ihnen ein paar…“, ich suchte nach dem richtigen Wort, „Fehleinschätzungen unterlaufen sind und dass Sie Hilfe benötigen.“
„Wer sagt das?“, fragte mein Gegenüber skeptisch.
Konnte ich die Wahrheit sagen? Sollte ich seine Schwester erwähnen? Lieber noch nicht.
„Es ist mir zu Ohren gekommen“, sagte ich schließlich.
„Dann haben Ihre Ohren wohl nicht alles gehört, was man über mich sagt. Sämtliche Fehleinschätzungen, wie Sie es nennen, wurden beglichen“, schnaubte Antonio.
„Das ist mir bekannt. Ich bin hier, weil ich die Kosten dieser Fehleinschätzungen übernehmen will.“
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Franca-Lombardi - 7. Sep, 14:00
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copyright Franca Lombardi
La Guaira, Ende April 1869
(...)
Ich blickte mich um – suchend – um eventuell jemanden zu entdecken, der mich abholen würde. Vater hatte geschrieben, dass man mich erwartete – aber ob das nun direkt am Schiff war oder in seinem Handelskontor in La Guaira oder gar auf der Hacienda in El Agudo? Ich hatte keine Ahnung.
„Don Diego“, ertönte es.
Ich hörte es zunächst nicht, weil ich mich nicht angesprochen fühlte.
Wieder rief jemand: „Don Diego. Hier bin ich. Don Diego!“
Ein Indio bahnte sich einen Weg durch die Menge und kam direkt auf mich zu. Er winkte hektisch und rief immer wieder „Don Diego“. Offenbar meinte er mich.
Ich war den Titel „Don“ nicht gewohnt und begriff nicht, dass sein Winken tatsächlich mir galt. Doch der Mann kam immer näher und lachte mich an mit dunklen Zahnlücken, die eingerahmt waren von dünnen Lippen und tiefen Lachfalten. Er sah aus, wie jemand, der froh war, endlich das gefunden zu haben, was er suchte. Ich fragte mich, wie lange er wohl schon Ausschau nach mir gehalten hatte. Und: Wie hatte er mich erkennen können?
Als er mich endlich erreicht hatte, nahm er seinen brüchigen Strohhut ab und verneigte sich vor mir. „Don Diego. Ich freue mich, dass Sie wohlbehalten angekommen sind. Ich bin Santo und ich wurde beauftragt, Sie nach Hause zu bringen.“ Er wies mit seinem Strohhut hinter sich. „Kommen Sie. Dort hinten steht die Kutsche.“
Vor lauter Menschen war nichts von einer solchen zu sehen, aber ich folgte Santo, der nun wie Moses das Menschenmeer teilte, in dem er immer wieder rief: „Macht Platz für Don Diego. Hier kommt Don Diego.“ Mir war das unsagbar peinlich – aber wir kamen zügig voran.
Meine Kisten waren bereits aufgeladen worden; ich fragte gar nicht nach, wie Santo das angestellt hatte; wollte einfach nur noch weg. Ich stieg ein und machte es mir so gut es ging bequem. Wir sollten zweifelsohne eine Weile unterwegs sein, denn soweit ich mich erinnerte, war es eine lange Fahrt gewesen, als wir Venezuela verlassen hatten vor mehr als zwanzig Jahren. Nichts hier kam mir irgendwie bekannt vor; aber wieso sollte es das auch? Wir waren damals bei Nacht geflohen.
Mir war mulmig, denn ich kehrte heute freiwillig zurück und hielt es jetzt schon für die größte Torheit meines Lebens. Aber wenn ich nicht auf diesem Schiff gewesen wäre, hätte ich Madalena nicht kennen gelernt. – Madalena. Ein Stich ging durch mein Herz. Was sollte ich tun?
Santo riss mich aus meinen Gedanken: „Das Kontor wird Ihnen gefallen, Don Diego.“
„Kontor? Fahren wir nicht gleich zur Hacienda?“ Ich war verwirrt.
„Nein. Es wird bald dunkel.“
Mir fiel auf, dass es sehr schnell dämmerte. „Wie viel Uhr ist es?“, fragte ich erstaunt. Es konnte doch noch nicht später als fünf Uhr Nachmittag sein.
„Bald sechs Uhr. Wir müssen uns beeilen, dass wir rechtzeitig ankommen.“ Offensichtlich schaute ich sehr verwirrt, denn Santo erklärte mir: „Hier kommt die Nacht sehr schnell. Ich habe gehört, weiter im Norden ist das nicht so.“
In der Tat: Während wir durch die Straßen von La Guaira fuhren, wurde es immer dunkler. Bis wir schließlich in der calle de los mercaderos standen, direkt vor den Pforten von Oficina de Labundante, dem Kontor meines Vaters, war es bereits so düster, dass man ohne die Laternen nichts gesehen hätte. Durch das Fenster zur Straße fiel etwas Licht auf uns. Santo klopfte an die Tür. Schritte näherten sich.
„Wer ist da?“, tönte es heraus.
„Don Diego ist angekommen.“
Warum nur musste Santo mich immer Don Diego nennen? Señor hätte es auch getan!
Die Tür wurde geöffnet und eine schwarze Gestalt stand vor uns. Das Licht, das im Hintergrund schien, blendete mich und ich konnte die Person, die vor mir war, nicht erkennen. Eine Hand schob sich zu mir und griff nach der meinen. Ich wurde ins Haus gezogen und blickte nun – da ich mehr sehen konnte – einem Mann in die Augen, der mich prüfend ansah. Er war etwas größer als ich und dünn. Ich war nicht gerade dick, aber er wirkte hager, vielleicht ein wenig verkniffen. Seine dunkelblonden Haare waren, wie die meinen, kurzgeschnitten, doch er trug - wie viele Männer in seinem Alter - einen Bart.
„Eugenio Corrente Mora “, stellte er sich vor. „Ich bin der Sekretär Ihres Vaters. Willkommen.“
(...)
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Franca-Lombardi - 5. Jul, 16:33
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copyright Franca Lombardi
Auf dem Atlantik
Ich fiel. Um mich herum war es dunkel und ich hörte Geschrei. Mein Herz raste. Als ich den Boden vor mir sah und mein Verstand zu begreifen begann, dass ich im nächsten Augenblick aufschlagen würde… erwachte ich. Schweißgebadet saß ich aufrecht in meinem Bett. Ein lautes Dröhnen betäubte meine Ohren. Meine Lungenflügel schienen zu bersten und mein Puls hämmerte gegen meinen Kehlkopf. Der Raum um mich drehte sich, schaukelte auf und ab und mir war schwindelig. Während ich die Übelkeit zu unterdrücken versuchte, begriff ich, dass es nicht nur mein Verstand war, der mir diesen Taumel vorgaukelte – nein: Das Schiff schwankte deutlich; offenbar durchfuhren wir gerade ein Unwetter. Am Vorabend war an Deck nichts davon zu sehen gewesen; am Vorabend, als ich mich Madalena geöffnet hatte.
Jetzt fiel mir auch wieder mein Traum ein: Mein Vater hatte mich im Zorn gepackt und aus dem Fenster geworfen.
Ich ließ mich zurück in die Kissen fallen und versuchte das Schaukeln zu ignorieren. Meine Bemühungen blieben allerdings erfolglos und ich übergab mich in meinen Nachttopf. Der beißende Geruch, den ich nun in der Nase hatte, erfüllte meine Kabine in Windeseile und mir war klar, dass ich das Essen von gestern am besten über die Reling entsorgte. Zittrig raffte ich mich auf, den Nachttopf in der einen Hand, die andere frei zum Tasten in der Dunkelheit und zum Absichern auf dem Weg an Deck. Kurzzeitig hatte ich überlegt, eine Luke am Gang zu öffnen – aber erstens gab es keine und zweitens wollte ich nicht für das Kentern des Schiffes verantwortlich sein, wenn ich es wagte, den Wellen bei diesem hohen Seegang einen Weg ins Innere des Schiffes zu ermöglichen. Also schleppte ich mich die vielen Stufen hinauf, hoffend, dass mir niemand entgegen kommen möge.
Das Schiff schien wie leergefegt. Alle Passagiere waren in ihren Kabinen und auch die Besatzung war unter Deck. An der Rezeption saß einsam ein Mann, doch ich stahl mich hinter großen Pflanzen vorbei, hinaus ins Freie.
Der Sturm blies mir salzige Luft entgegen und ich atmete tief ein. Die Schleimhäute, noch leicht geätzt von meinem Erbrochenen, brannten von zu viel Sauerstoff und mir wurde kurzzeitig noch schwindeliger. Verzweifelt versuchte ich, stabil zu stehen, doch wirkte ich für einen außenstehenden Betrachter zweifelsohne wie ein betrunkener Mann auf dem Weg zu seiner Kabine. Meinen Nachttopf konnte ich gerade halten, doch als ich ihn über der Reling ausschüttete, verlor ich den Halt und er entglitt meinem Griff. Zwei absurde Gedanken schossen mir in den Kopf: Hoffentlich hatte ich keinen Fisch erschlagen und – wie sollte ich den Verlust meines Nachttopfes erklären?
Ich stemmte mich gegen den Wind und wankte zurück ins Innere des Schiffes. Die frische Luft hatte mir gut getan; ich hatte wieder einen klaren Kopf und konnte ungesehen in meine Kabine zurückkehren. Dort warf ich mich auf das Bett und fand lange Zeit keinen Schlaf.
(...)
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Franca-Lombardi - 15. Jun, 08:47
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copyright Franca Lombardi
Cadiz, Ende April 1869
Ich hatte es mir auf der Terrasse einer Taverne an der Plaza de Espana bequem gemacht und genoss die Aussicht auf den Hafen. Es war ein sonniger Tag ohne Wolken; den Horizont konnte man fast nicht sehen, so fließend vereinte sich das Azur des Himmels mit dem Königsblau des Wassers. Die Frühlingsluft war erfüllt von Blumenduft, vermischte sich mit dem Salz des Meeres und kreierte jenen Geruch von Freiheit, der sich fest ins Gedächtnis setzt; den man sich Jahre später noch aus der Erinnerung holen kann – in Momenten, in denen die Tage geprägt sind von Arbeit und Mühsal.
Arbeit hatte ich vor mir – Mühsal würde zwangsläufig folgen, denn ich begegnete nach Jahren der Trennung Don Fernando Rodriguez Turnedo – meinem Vater. Allerdings nicht jenem Mann, den ich als Kind verlassen hatte; einem Mann mittleren Alters und fest integriert in seine Arbeit – so fest, dass die Familie daran zerbrochen war. Nein. Ich würde einem alten, kranken Mann gegenübertreten, der mich – Diego Rodriguez Acosta – nur als notwendiges Übel ansah, als billigen Ersatz für seinen Erstgeborenen; ich würde einen Mann treffen, der für mich mittlerweile nur noch eine verschwommene Erinnerung war, die ich mehr aus Pflichtbewusstsein denn aus elterlicher Zuneigung „Vater“ nannte.
Ich schob den Gedanken zur Seite; er schmerzte mich zu sehr.
Der Anblick des Meeres stimmte mich wieder etwas fröhlicher. Ich liebte das Spiel der Sonne, liebte es, wenn sie ihre Strahlen auf die Oberfläche des Ozeans warf und dabei abertausende von glitzernden Punkten entstanden.
Das geschäftige Treiben am nahen Fischmarkt – vor allem wohl aber die Gerüche, die der Wind mitbrachte – machte mir meinen Hunger wieder bewusst und ich nutzte die Nähe des Kellners, um mir eine Kleinigkeit zu bestellen. Wenig später saß ich da mit einem Schälchen gegrillte Garnelen, einem mit patatas bravas und einem Glas Rotwein. Die Kartoffeln waren wirklich scharf – ganz nach meinem Geschmack – und ich lehnte mich genüsslich zurück; meinen Blick ließ ich erneut über den Hafen schweifen.
Die Wellen rauschten, angetrieben vom Wind und den Meeresströmungen, Richtung Festland und schwappten mal stärker, mal schwächer als weißer Schaum gegen die Kaimauern. Dort lag die Esperanza imposant im Wasser und nichts schien ihr etwas anhaben zu können.
Von weitem sah das Dampfschiff aus wie eine graue Festung, die man direkt in den Hafen gebaut hatte. Die imposanten Schlote ragten wie drei Türme in die Höhe und bildeten die Mitte des Schiffes. Zu deren Fuße sah man große Rohre mit gebogener Öffnung, die – man konnte die Größe von hier aus kaum einschätzen – hoch aus dem Inneren des Schiffes ragten. Sie sahen aus wie die Kinder der Schlote, die neugierig einen Blick auf das Festland zu erhaschen suchten. Ihre Funktion erschloss sich mir nicht; ich würde dem an Bord nachgehen. Später.
Ich ließ meinen Blick weiterschweifen. Sowohl an Bug als auch an Heck befand sich ein gewaltiger Mast, gestützt durch eine Vielzahl von Seilen. Meine Augen blieben an den bunten Fähnchen hängen, die im Wind wild flackerten.
Das Bild erinnerte mich an die Wäscheleine meiner geliebten Nanìta , die – wenn sie mich nicht gerade mit heißer Schokolade und frischem Gebäck aus ihrem Backofen verwöhnte – mit allerlei Aufgaben, die ein so großer Haushalt wie der unsere mitbrachte, beschäftigt war. Für kurze Zeit war ich wieder fünf Jahre alt und hatte wahnsinnige Sehnsucht nach einer liebevollen und mütterlichen Umarmung, die mir Mut machte angesichts der Veränderung, die vor mir lag.
Ich konzentrierte mich wieder auf die Meeresfestung. Hinter einem der kleinen Fensterchen an der Außenseite des gewölbten Schiffsbauches, die man von hier aus kaum sehen konnte, würde ich die nächsten Wochen verbringen.
Ich würde den Atlantik überqueren.
Auf der anderen Seite erwartete mich mein neues Leben in Venezuela.
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Franca-Lombardi - 31. Jan, 12:09
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copyright Franca Lombardi
Diese Leseprobe ist ein kleiner Auszug aus dem ersten Kapitel.
Sevilla, wenige Tage zuvor
Ich war gerade in meinem Arbeitszimmer und nutzte die letzten Stunden im Hause meiner Mutter, geordnete Verhältnisse zu hinterlassen. Fast alles, was ich besaß, hatte ich in Kisten gepackt, die – bis auf eine letzte – bereits auf der Kutsche verstaut waren, die mich nach Cadiz bringen sollte. In Gedanken versunken hielt ich einen Stapel Briefe in der Hand und wägte deren Wichtigkeit ab, als ein Schatten an der Tür mich aufschauen ließ.
Yolanda stand in der Tür. Mein Blick fiel auf ihre weit aufgerissenen braunen Augen, die mich anstarrten, als hätte sie eben erst begriffen, was ich zu tun gedachte. Man sah ihr deutlich an, dass sie nicht mit meiner Entscheidung gerechnet hatte.
„Du gehst tatsächlich weg?“, hauchte sie entgeistert.
„Ja“, antwortete ich schlicht.
Eine leichte Bewegung lenkte meinen Blick auf ihre kleinen, zarten Hände, die sich verkrampft in den blauen Stoff ihres Kleides vergruben und dabei die kunstvoll geplätteten Falten an der Stelle vollkommen zerknüllten. Ihr innerer Kampf wurde deutlich sichtbar für mich und irgendwie tat sie mir leid.
Offensichtlich nahm sie allen Mut zusammen für die nächste Frage, suchte Halt an der Türklinke, straffte ihre Brust und fragte: „Und wann kommst du wieder?“ Ihre zitternde Stimme strafte die selbstbewusste Körperhaltung Lügen.
Ich atmete tief durch und zuckte mit den Schultern. „Um ehrlich zu sein: Ich weiß nicht einmal, ob ich wieder zurück komme.“
Yolanda kam auf mich zugestürmt und griff mich am Ellenbogen. „Du musst das nicht tun. Hörst du, Diego? Niemand kann dich zwingen.“ Der verschwörerische Blick, den sie mir nun zuwarf wollte mich zum Schmunzeln bringen, aber es war nicht mein Wunsch, ihre Gefühle zu verletzen.
„Es ist meine Pflicht, Yolanda. Ich kann mich ihr nicht weiter entziehen.“
Eine energische Stimme ließ uns zur Tür blicken.
„Doch, das kannst du.“ Meine Mutter hatte sich leise dazu gesellt. Sie stand wie eine Statue aus Marmor vor uns und wirkte auf mich blass und kühl. Sie hatte wohl die letzten Nächte nicht so gut geschlafen. Ihr ernster Blick lag auf mir, als sie ihren Standpunkt klar machte: „Es gibt andere, die diese Aufgabe übernehmen können!“
Ich wusste, dass sie Recht hatte – theoretisch. Die Praxis aber sah anders aus. „Mutter. Ihr wisst selbst, dass das nicht stimmt. Es wäre für Vater nicht dasselbe, wenn er die Plantage nicht an einen seiner Söhne weitergeben könnte. Die Jahre harter Arbeit wären dann aus der Hand gegeben. Es war schon schlimm genug, dass die Sklaverei vor fünfzehn Jahren abgeschafft wurde.“ Diese Antwort kam wie auswendig gelernt und beschämte mich selbst zutiefst. Als wäre es menschenunwürdig, ohne Sklaven arbeiten zu müssen.
Meiner Mutter schien das ebenso bewusst zu sein wie mir. „Ich bin informiert über den Inhalt seines letzten Briefes. Du brauchst ihn mir nicht zu rezitieren.“ Ihr Blick wurde hart. „Ich kenne diesen Mann besser als du. Hat er dich schon so beeinflusst, dass ich die humanistische Erziehung an dir nicht mehr erkennen kann? – Dieser Mann hat mir bereits einen Sohn gestohlen. Ich lasse nicht zu, dass er mir auch noch den zweiten nimmt!“
„Mutter“, sagte ich mit leicht verzweifeltem Ton. „Ich kann ihm diese Bitte doch nicht abschlagen. Abgesehen davon: Lassen Sie es mich doch wenigstens versuchen. Wenn es mir nicht liegt, komme ich wieder zurück.“
„Wenn du erst einmal dort bist, wirst du nicht mehr der Selbe sein.“ Meine Mutter war sich dessen offensichtlich äußerst sicher.
Das verstärkte das mulmige Gefühl, das ich seit längerem in mir trug. Im Grunde genommen, seit Vater mir geschrieben und mich mit Worten, die an Nüchternheit und Distanz nichts hatten fehlen lassen, aufgefordert hatte, mich nach dem Tode meines Bruders um mein zukünftiges Erbe zu kümmern. „Ich erwarte Dich im Frühjahr. Es gibt viel zu klären“, hatte im Brief gestanden. Ich hatte mir herzlichere Worte gewünscht; Worte, die mir zeigten, dass er mich als Sohn und nicht als bedauerlicher Ersatz sehen wollte.
„Ich kann dich nicht aufhalten, Diego.“ Die Stimme meiner Mutter holte mich aus meinen Gedanken zurück. „Aber ich lege dir ans Herz: Achte gut auf dich! Und denke daran, dass hier ein Ort ist, an dem du geliebt wirst.“ Sie sah mir intensiv in die Augen, kam einen Schritt auf mich zu und drückte meine Schultern. Ich fühlte eine Welle von Liebe und als sie mich wieder freigab, hinterließ sie ein seltsames Gefühl von Einsamkeit und Kälte an den Stellen, an denen sie mich zuvor festgehalten hatte. Plötzlich war Distanz zwischen uns, die mir nicht gefiel.
„Wir sehen uns später.“ Mutter hatte sich wieder zurückgezogen und ich blieb mit Yolanda allein zurück.
Um meine Verwirrung zu verstecken, wandte ich mich wieder den Briefen zu, die ich noch immer in der Hand hielt. Erst jetzt wurde mir bewusst, dass es sich dabei um die zahlreichen Briefe des Mädchens an meiner Seite handelte. Ich drehte ihr den Rücken zu, damit sie ihre eigene Handschrift nicht erkennen konnte.
Ich würde die Briefe zurücklassen. Sie waren für mich nicht von so großer Bedeutung. Dass sie aber offensichtlich für Yolanda von enormer Wichtigkeit waren, begriff ich erst in den nächsten Minuten.
„Warum nimmst du mich nicht mit?“ Sie hatte sich auf einem der Polstersessel niedergelassen und sprach mehr in ihre Hände als in meine Richtung.
„Das geht nicht“, sagte ich zunächst gedankenverloren.
„Ich dachte, du liebst mich.“ Ihre Stimme klang enttäuscht. „Und ich dachte, du heiratest mich.“
Das war wie ein Faustschlag in den Magen. Ich richtete mich abrupt auf. „Wie bitte?“
Yolanda begann zu weinen.
Ich versuchte mir meinen Schreck nicht anmerken zu lassen und wusste nicht so recht, was ich jetzt machen sollte. Sie saß da wie ein Häufchen Elend. Also beugte ich mich zu ihr hinunter und nahm ihre Hände zwischen die meinen. „Ich kann verstehen, dass du enttäuscht bist. Aber wenn du ehrlich bist, so habe ich dir nie etwas in dieser Richtung versprochen. Ich mag dich sehr. Aber…“ Ich wusste nicht, was ich noch sagen sollte. Schlimmer konnte ich es ja nicht machen.
Sie kaute auf ihren Lippen und rieb sich den linken Daumen, als wollte sie hartnäckigen Schmutz entfernen. Die Tränen hatten glänzende Spuren in ihrem Gesicht hinterlassen.
Ein diskretes Räuspern unterbrach die Situation.
„Senor. Ich soll Ihre Kiste holen.“ Einer unserer Knechte stand unsicher unter der Tür und hielt seine Mütze in der Hand.
(...)
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Franca-Lombardi - 5. Nov, 12:12
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